„Ich bin ein armer Hirtenknab,
Mein Vater liegt im kühlen Grab.
Meine Mutter ist so krank und schwach,
Ach, welch Weh und Ungemach!“
(Anton Jörger)
Emigration ist nicht nur heute ein Dauerthema. Vor 200 Jahren begann die Schwabengängerei. Die Wirtschaftsflüchtlinge von damals waren Kinder. Ihre Heimat war Graubünden, das St. Galler Rheintal, Appenzell und der Thurgau und Tirol. Die Historikerin Loretta Seglias hat die Geschichte der Schwabengänger in Graubünden im Rahmen einer Lizentiatsarbeit aufgearbeitet.

Schweizersklaven in Ravensburg: Das Los der Emigration. Mehrere Zeitungsartikel lösten in den USA Empörung über diese Zustände aus.
Kindheitserinnerungen. "Viele Kinder mussten ins Schwabenland. Dort erging’s ihnen schlecht. Die Mädchen wurden sexuell missbraucht, die Buben geschlagen. Viele flohen nach Hause." Dies erzählte die Grossmutter aus dem Bündner Oberland und erst 20 Jahre später erfuhr Loretta Seglias die Sichtweise der anderen Seite: "Wir sorgten für die armen Geschöpfe, die das eigene Land nicht einmal ernähren konnte", hörte die Historikerin auf ihren Recherchen in Ravensburg. Die Wahrheit liegt dazwischen. Gegenüber den Abhandlungen von Linus Bühler vor gut 30 Jahren zum Thema Schwabengänger (er interviewte noch lebende Zeugen), fokussierte die sozialhistorisch interessierte Wädenswilerin in ihrem Buch: „Die Schwabenkinder aus Graubünden“ nun die Behandlung der Kinder zwischen 1800 und dem ersten Weltkrieg in der Fremde. Dort, auf der anderen Seite des Bodensees, erging es ihnen nicht nur schlecht. Ein betroffenes Kind relativierte selber das Ausmass des Problems: "80 Prozent der Herren sind gut." In ihrer Arbeit nahm Loretta Seglias die übrigen 20 Prozent unter die Lupe. Doch zuvor legt sie Wert darauf, die Wanderarbeit aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. "Kinderarbeit war damals üblich." Dennoch war das Schicksal der Bündner Kinder, die zwischen 6 und 14 Jahre alt waren, in Memmingen, Ravensburg oder Überlingen, ein besonderes. Arbeit in der Bodenseeregion, der damaligen Kornkammer Deutschlands bedeutete: Drei bis sieben Stunden Schlaf. Den Rest der Zeit musste - ausser während der Pausen für drei Mahlzeiten – für den Bauern gearbeitet werden. Meist hatten die Kinder am Sonntag frei. Ferien kannten sie nicht. Während des ganzen Aufenthalts gab’s höchstens einen zusätzlichen Freitag. Dann trafen die Schwabengänger andere Kinder aus der näheren Heimat. Schläge waren häufig und sexueller Missbrauch ebenso. Die Schwaben hielten die Bündner für ungehobelte Eigenbrötler, schweigsam dazu, was freilich auch an den mangelnden Deutschkenntnissen der Romanen lag. Umgekehrt schrieb etwa die "Bündner Zeitung" am 7. Februar 1838: "Die Bündner Schwabengänger sind gleichsam zum ersten und bleibenden Augenmerk der schwäbischen Wüstlinge geworden." Schlimm erging es geschwängerten Mädchen. Sie wurden aus Württemberg ausgeschafft. Die Rückkehr geriet zum Spiessrutenlauf, wie das Beispiel zweier Mädchen zeigt. Ihre Ankunft in Chur erregte laut Bündner Zeitung "grosses Aufsehen" und wurde "von höhnendem Gassenvolk" begleitet. Unter "Damenauspfiff" wurden sie in ihre Heimat gebracht. Der Artikel berichtete weiter, dass "seither sofort wieder andere solcher Dirnen, wiewohl ohne eine schwäbische Mitgift, der Art, auf gleiche Weise" durch Chur gekommen seien. Gewalt, insbesondere sexuelle Gewalt wurde tabuisiert. Kein Dokument weist daraufhin, dass diese Probleme je zwischen der Bündner und der württembergischen Regierung thematisiert worden wäre. Bei ihren Kontakten ging es um illegale Grenzübertritte, Bettelei oder Gesundheitsatteste. Die Bergler wurden verdächtigt, die Krätze einzuschleppen. Den meisten Bündnern lag wenig am körperlichen Elend der Kinder. Ihre Sorge galt dem seelischen Zustand, denn die Kinder schliefen im gleichen Raum wie Knechte und Mägde. Da könnten sie Dinge zu sehen bekommen oder tun, von denen sie nicht einmal wissen sollten, dass sie existierten. Deshalb versuchten viele Eltern mit allen Mitteln, die Schwabengängerei ihrer Kinder zu verhindern, doch Schicksalsschläge, Erbteilung und Unwetter trieb viele Familien derart in die Armut, dass beim Abschied der Kinder nur ein einziger Trost blieb: Sie gingen in katholisches Gebiet. Aus den protestantischen Gebieten Graubündens wanderten kaum Kinder nach Schwaben aus.

Die Schwabengängerei war bis in das 20. Jahrhundedrt verbreitet.
Im Gegensatz zu den Bündner Behörden, setzten ihre württemberger Kollegen die Schulpflicht der einheimischen Kinder massiv durch. Deshalb konnten die schwäbischen Bauern ihre eigenen Kinder nicht zur Arbeit verpflichten. Die Schwabengänger hingegen verliessen die Winterschule vorzeitig und kamen erst nach Beginn des neuen Schuljahres zurück. Ein Schulbesuch in der Fremde schien auch den deutschen Behörden nicht notwendig. Ein Mitglied der „Württembergischen Ersten Kammer“ sagte 1913: "Ich glaube deshalb, dass wir gar keine besondere Veranlassung haben, uns für den Schulbesuch dieser dem Ausland angehörigen Kinder zu interessieren."
Mitte des 19. Jahrhunderts erhöhten die Bündner Behörden das Alter für Schwabengänger auf 12 Jahre, um der Kinderarbeit einen Riegel vorzuschieben. Trotzdem versuchten viele ihr Glück auf eigene Faust. In Domat/Ems, wo die Schwabengängerei eine lange Tradition hatte, galt es gar als Mutprobe unter Jugendlichen, saisonal zu emigrieren. Zum Beweis mussten sie Rohrstiefel (ein Teil des Lohnes) nach Hause bringen. Sie boten sich selber an den Kindermärkten an, die im Frühjahr stattfanden. Nach der Einigung schickten die Bauern ihre Schützlinge für gewöhnlich in eine Gaststätte, weil die Kleinen nach der langen Reise völlig ausgehungert waren. Auf dem Höhepunkt der Schwabengängerei um 1850 verliessen jede Saison über 1000 Kinder die Surselva, um in Deutschland Geld zu verdienen. Der Lohn betrug in dieser Zeit für eine Saison weniger als 20 Mark. Hinzu kamen Kleider und Schuhe in zweifacher Ausfertigung. Um die Schuhe zu schonen mussten die Kinder die ganze Zeit hindurch barfuss arbeiten. Die Füsse waren manchmal so kalt, das die Kinder freiwillig in warme Kuhfladen standen. Das Verhältnis zwischen Schwaben und Schweizern war arbeitsorientiert. Kulturellen Austausch gab es keinen. Ausser vielleicht das Wort für WC. Dazu sagt man auch heute noch im Bündner Oberland „Hisli“. „Das Wort könnte von den Schwabengängern stammen“, vermutet Seglias.
Aus drei Gründen nahm die Schwabengängerei ab Mitte des 19. Jahrhunderts ab. Die aufkommende Industrialisierung sorgte auch im Bündnerland für Arbeitsplätze. Zudem wanderten viele verarmte Bauern nach Amerika aus. Dort erschienen auch mehrere Zeitungsartikel, welche die Kindermärkte von Überlingen und Ravensburg mit den Sklavenmärkten des eigenen Landes in früheren Zeiten verglichen. Diesen Imageschaden wollten die deutschen Behörden nicht länger hinnehmen. Sie behinderten dieses Saison-Kinderarbeitssystem. Nach dem ersten Weltkrieg ging praktisch kein Kind mehr aus Graubünden nach Deutschland auf Arbeitssuche. Immer weniger Bauern nahmen solche Kinder auf und wenn dann kamen sie nur noch aus dem Tirol, wo ebenfalls eine verarmte Bauernschaft lebte. Es sollte noch bis zum 2. Weltkrieg dauern, bis die Kinderemigration aus Österreich ein Ende fand.
















